Irène Zurkinden: die Liebe, das Leben. Eine Basler Künstlerin im Spiegel ihrer Epoche

«This is Basel» – der Kunst- und Architekturpodcast mit Selma & Sophie.
In der 14. Folge widmen sich die beiden Hosts der aussergewöhnlichen Künstlerin Irène Zurkinden, deren Werke und Leben aktuell in der Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G beleuchtet werden.

Hosts: Selma Alihodžić und Sophie Mercedes Lardon 
Produktion: Tonton GmbH 

Die Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G widmet der Basler Künstlerin Irène Zurkinden (1909–1987) mit der Ausstellung «Irène Zurkinden: die Liebe, das Leben» (13.6. bis 7.9.2025) eine umfassende Hommage. 

Diese beleuchtet das facettenreiche Leben und Werk einer Künstlerin, deren Schaffen sich über fünf Jahrzehnte erstreckt und in besonderer Weise Fragen von Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Wandel thematisiert. Seit den 1980er-Jahren wurde Zurkindens Werk in Basel nicht mehr in einem institutionellen Rahmen gezeigt – nun wird ihr künstlerisches Œuvre in einer neuen Perspektive erfahrbar.

Irène Zurkinden

Selma und Sophie besuchen die Ausstellung «Irène Zurkinden: die Liebe, das Leben» in der Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G. © Basel Tourismus, Pati Grabowicz

Selma und Sophie sprechen mit Direktor Raphael Suter darüber, was die Werke von Irène Zurkinden auszeichnet, wofür sich die Stiftung engagiert und wie die KBH.G die Kunstlandschaft Basels mitgestaltet.

Zeichnerisches Werk als Fundament der künstlerischen Praxis

Die Ausstellung gliedert sich in zwei zentrale Räume. Im ersten Raum stehen Zurkindens Zeichnungen im Fokus. Über 100 Skizzenbücher sowie zahlreiche Einzelblätter geben einen tiefen Einblick in ihr künstlerisches Denken. 

Die Zeichnungen dienten ihr nicht nur als Vorlagen für spätere Werke, sondern auch als persönliche Reflexionsräume. In tagebuchartigen Notizen und Skizzen hält sie das tägliche Leben fest, setzt sich mit Fragen der Sexualität und Selbstwahrnehmung auseinander und dokumentiert mit präzisem Blick ihre Umgebung. Dieses zeichnerische Werk bildet das konzeptuelle Fundament ihrer künstlerischen Praxis.

Künstlerische Vielfalt – zwischen Intimität und Weltoffenheit

Der zweite Raum zeigt eine thematisch geordnete Auswahl ihrer Gemälde – von ihren Anfängen in den 1930er-Jahren bis in die 1980er-Jahre. Ihre Arbeiten beleuchten unter anderem ihre langjährige Beziehung zu Paris, enge familiäre und freundschaftliche Verbindungen sowie ihre Faszination für den Zirkus, das Ballett und die Basler Fasnacht. Porträts, Reiseszenen und Stadtansichten zeugen von einer präzisen Beobachtungsgabe und einer malerischen Sprache, die zwischen Intimität, surrealistischen Einflüssen und atmosphärischen Szenen changiert.

Entwurf zum Wandteppich im Trausaal des Zivilstandsamtes, 1962

Ein besonderes Highlight ist der grossformatige Entwurf für einen Wandteppich, den Zurkinden für das Zivilstandsamt Basel gestaltete. Das rund 150 x 300 cm grosse Werk wurde restauriert und wird erstmals öffentlich präsentiert – bemerkenswert auch deshalb, weil Zurkinden selbst diesen Entwurf gegenüber der finalen Ausführung bevorzugte.

Ohne Titel (Selbstporträt, schwanger), 1937

Ein roter Faden der Ausstellung sind die zahlreichen Selbstporträts, die Zurkinden über Jahrzehnte hinweg schuf. Mit einem direkten, ehrlichen Blick stellte sie ihre persönliche Erfahrung in den Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens. Ihre Werke vermitteln eine besondere Intensität und offenbaren eine zugleich kraftvolle und zerbrechliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Besonders eindrucksvoll ist das Porträt aus dem Jahr 1937, das sie während ihrer Schwangerschaft zeigt – ein kraftvolles Statement über die Doppelrolle als Mutter und Künstlerin.

Zurkinden wechselt in ihrem Werk zwischen Leichtigkeit und Tiefgründigkeit: von verspielten Szenen wie Cirque en plein-air (1937) bis zu reduzierten Stillleben wie dem Stillleben mit Eiern (1985). Ihr Schaffen entzieht sich klaren Kategorien, bewegt sich mühelos zwischen dem Persönlichen und Politischen, zwischen Groteske und Poesie. Ihre Kunst war zu ihrer Zeit bahnbrechend – und wirkt bis heute nach.

Ergänzt wird die Ausstellung durch eine filmische Arbeit von Ariane Koch (Autorin) und Garrick Lauterbach (Regisseur), die eine poetische Annäherung an Zurkindens Welt wagt. Der Film Le Matou Magnifique erschliesst das Leben der Künstlerin durch die Augen ihrer Katze Matou – ein erzählerisches Spiel mit Erinnerung und Fiktion, in dem Archivmaterial, Interviews und kreative Interpretation miteinander verschmelzen.

Die begleitende Publikation versammelt neben kunsthistorischen Essays auch Beiträge zeitgenössischer Künstler*innen wie Tracey Emin, Valérie Favre, Sadaf H. Nava, Lenz Geerk, Sanya Kantarovsky und Peter Suter. Diese vielstimmigen Perspektiven öffnen neue Zugänge zu Zurkindens Werk und machen deutlich, wie relevant ihre Kunst auch für heutige Generationen bleibt.

Mit «Irène Zurkinden: die Liebe, das Leben» lädt die KBH.G dazu ein, das Werk einer beeindruckenden Künstlerin neu zu entdecken – eindringlich, eigenwillig und von ungebrochener Aktualität.

Rebecca Eigen und Reto Thüring kuratierten die Ausstellung «Irène Zurkinden: die Liebe, das Leben» zusammen mit Elsa Himmer.

Die Künstlerin Irène Zurkinden

Irène Zurkinden (1909–1987) wurde in Basel geboren und früh in ihrer künstlerischen Begabung gefördert. Sie studierte ab 1923/24 Kunst und setzte ihre Ausbildung in Paris bei der Académie de la Grande Chaumière fort, inspiriert von Toulouse-Lautrec. Dort verband sie surrealistische und neoimpressionistische Einflüsse mit ihrem eigenen expressiven Stil und gehörte zur Avantgarde. Bekannt ist ihre Freundschaft mit Meret Oppenheim, der das Porträt Meret à l’orange (1932) gewidmet ist.

Mit dem Jazzmusiker Kurt Fenster hatte sie zwei Kinder und pendelte in den 1930er- sowie 40er-Jahren zwischen Paris und Basel. 1942 liess sie sich dauerhaft in Basel nieder und schloss sich der progressiven Künstlergruppe «Gruppe 33» an. Ihr vielfältiges Werk umfasst Auftragsarbeiten, Akte, Bühnenbilder, Reiseimpressionen und persönliche Zeichnungen, die sich mit Identität und Gesellschaft befassen.

Heute wird Zurkinden als wichtige Künstlerin der Schweizer Moderne neu gewürdigt.

Raphael Suter, Direktor KBH.G

Der kunst- und kulturaffine Sohn eines Architekten aus Sursee studierte in Basel Klassische Archäologie, Ägyptologie und Kunstgeschichte. Bereits als Student schrieb er für die Basler Zeitung und war dort von 1991 bis 2003 als Redaktor im Ressort Basel tätig. 2003 wechselte er zu Radio Basilisk, wo er zunächst als Redaktionsleiter und später als Programmleiter arbeitete. 2009 kehrte er zur Basler Zeitung zurück – zuerst als stellvertretender Chefredaktor, danach als Leiter des Ressorts Basel-Stadt und ab 2014 als Leiter der Kulturredaktion. Seit 2019 steht er als Direktor an der Spitze der Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G und gestaltet das Basler Kulturleben mit innovativen Ausstellungen mit.

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KBH.G

Sibylle Piermattei-Geiger, Stifterin KBH.G

Die Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G wurde 2018 von Sibylle Piermattei-Geiger (1930–2020) und ihrem Ehemann Rocco Piermattei gegründet. Die kulturbegeisterte Stifterin, die ein bewegtes Leben als Kostüm- und Bühnenbildnerin, Künstlerin und Kosmopolitin führte, setzte sich zeitlebens für den freien Zugang zur Kunst ein. Ermöglicht durch ein Erbe aus dem Jahr 2004, engagierte sich das Paar bereits 2009 mit der Gründung der Fondazione Culturale Hermann Geiger im toskanischen Cecina, wo jährlich mehrere Ausstellungen mit freiem Eintritt und kostenlosen Katalogen stattfinden. 2018 beschlossen die beiden, ihr philanthropisches Engagement nach Basel zu bringen. Sibylle Piermattei-Geiger erlebte die Eröffnung der Stiftung leider nicht mehr; sie verstarb 2020 im Alter von 90 Jahren.

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Die Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G

Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G

Zwei bis drei thematisch unterschiedliche Ausstellungen jährlich stossen einen aktiven Dialog zwischen Kulturschaffenden und Besucher*innen an. © Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G

Die Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G ist dem Grossvater von Sibylle Piermattei-Geiger, dem Pharmazeuten Hermann Geiger, gewidmet. Ziel der Stiftung ist es, in Basel einen unabhängigen Raum für Kunst zu schaffen, der ausserhalb etablierter Institutionen neuen kreativen Freiraum bietet.

Mit kostenfrei zugänglichen Ausstellungen und kostenlosen Katalogen möchte die Stiftung ein breites Publikum ansprechen und zur Auseinandersetzung mit Kunst und Gesellschaft anregen – ganz im Geiste ihrer Gründerin.

«Kunst und Kultur sollen für alle frei sein.» 
Raphael Suter über den Wunsch von Sibylle Piermattei-Geiger

Die Ausstellungsräume befinden sich in einer ehemaligen Industriehalle an der Spitalstrasse in Basel. Der Umbau durch Christ & Gantenbein bewahrte den industriellen Charme, und die Lage nahe Rhein, Universität und Universitätsspital macht die Stiftung gut erreichbar.

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Tauchen Sie während der Kunsttage Basel an rund 60 Orten in Basel und Baselland in moderne und zeitgenössische Kunst ein. Museen, Galerien und Ateliers öffnen ihre Türen und präsentieren die lebendige Vielfalt der regionalen Kunstszene. 

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