Hüterinnen der Geschichte

Ein 2500 Jahre altes Gefäss aus Ecuador. Eine verzogene Fasnachtslaterne. Japanische Theaterperücken aus Rosshaar und eine bemalte Kuhhaut aus Afrika: Im Sammlungsdepot des Museums der Kulturen Basel erzählen Objekte Geschichten aus aller Welt. Vier Konservatorinnen-Restauratorinnen sorgen dafür, dass die Spuren der Zeit sicht- und erlebbar bleiben.

Valérie Ziegler, nuage

Wer den unscheinbaren «Underground»-Eingang beim Tellplatz betritt, rechnet kaum damit, wenige Schritte später in lichtdurchfluteten Ateliers zu stehen. Hier, im Sammlungsdepot des Museums der Kulturen Basel, arbeiten vier Konservatorinnen-Restauratorinnen daran, die Vergangenheit für die Zukunft zu bewahren. Oder, wie sie selbst sagen würden: nicht zu reparieren, sondern Geschichte sichtbar und erlebbar zu halten.

Mehr als 340 000 Objekte, rund 900 000 Fotografien sowie 400 Filme und Tonaufnahmen umfasst die Sammlung. Ihre Vielfalt ist enorm – genauso wie die Herausforderungen für das Team der Konservierung und Restaurierung.

Während Restaurierungen verlorene Stabilität oder Form teilweise wiederherstellen und in die Substanz eingreifen, geht es bei der Konservierung vor allem darum, den Zustand mit präventiven Massnahmen zu erhalten. In der Praxis greifen beide Bereiche oft ineinander.

Seit Anfang Jahr teilen sich vier Frauen die Leitung: Anne-Rose Bringel ist auf Textilien spezialisiert, Rie Suzuki auf bemalte Oberflächen, Viera Kučera auf anorganische Materialien wie Stein und Keramik, Stephanie Wümmers auf organische Objekte. Gemeinsam machen sie deutlich, wie facettenreich ihr Beruf ist: Natur- und Materialwissenschaften verschmelzen mit Geschichte und Kulturwissenschaft.

Bedacht und Sorgfalt

Im Atelier von Anne-Rose und Rie stehen Stoffe, Werkzeuge und Objekte aus aller Welt. Die beiden Frauen teilen sich den Raum. «Glücklicherweise haben wir denselben Musikgeschmack», sagt Anne-Rose schmunzelnd.

Seit 13 Jahren arbeitet Anne-Rose für das Museum. Vor ihr liegen Textilien aus Indien, Afrika und Japan, die sie für zwei Ausstellungen vorbereitet: «Verwoben, verflochten, verknüpft», die im August eröffnet, und «Tie-dye», die im September folgt.

Nach der Rückformung lässt sie die Textilien trocknen und fotografiert sie. «Wir dokumentieren den Zustand aller Objekte schriftlich und fotografisch, sowohl vor als auch nach einer allfälligen Konservierung- oder Restaurierungsmassnahme. Dies ist sehr wichtig.»

Die intensive Restaurierungs- und Konservierungsarbeit für die Ausstellungen des Museums der Kulturen Basel beginnt oft bereits ein Jahr im Voraus.

Besonders heikel ist die Arbeit mit fragilen Materialien wie Seide. Oft gehe es darum, Stoffe wieder in ihre ursprüngliche Form zu bringen, ohne ihre Geschichte zu verwischen. «Kunstwerke sind ähnlich zu behandeln wie alte Menschen – mit viel Bedacht und Sorgfalt», so Anne-Rose.

Dieser Gedanke zieht sich durch die gesamte Arbeit des Teams. So werden Gebrauchsspuren nicht etwa beseitigt, sondern wenn immer möglich bewahrt. Sei’s eine Verfärbung oder eine Abnutzung: «Unser Ziel ist es nicht, Dinge zu reparieren, sondern ihre Geschichte aufrechtzuerhalten und aufzuzeigen.»

«Unser Ziel ist es nicht, Dinge zu reparieren, sondern ihre Geschichte aufrechtzuerhalten und aufzuzeigen.» Anne-Rose

Am Tisch neben Anne-Rose arbeitet Rie an einer verzogenen Fasnachtslaterne. Ihre Aufgabe: herauszufinden, wie die ursprüngliche Form aussah, und sie möglichst schonend für die Sammlung zu konservieren. Generell ist die Untersuchung ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit. Bevor überhaupt konserviert wird, untersuchen die Konservatorinnen-Restauratorinnen jedes Objekt genau.

Auf dem zweiten Arbeitstisch von Rie liegen feine japanische Werkzeuge aus Holz und Metall – manche so alt, dass selbst ihre ursprüngliche Verwendung nicht immer eindeutig ist. Fragen stellen sich Rie und ihre Kolleginnen auch zu Spuren an den Objekten: Handelt es sich um Gebrauchsspuren oder um einen Schaden? Fragen, die darüber entscheiden, in welcher Form mit den Objekten umgegangen wird.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Seit 2024 gehört auch Viera zum Team. Die Restauratorin für anorganische Materialien arbeitet derzeit an südamerikanischer Keramik, die für eine Ausstellung nach Zürich ausgeliehen wird. Vor ihr steht ein rund 2500 Jahre altes Gefäss aus dem heutigen Ecuador. Besonders auffällig sind die Bohrlöcher im Material: Zeugnisse früherer Reparaturen oder Restaurierungen. «In der Vergangenheit wurden zerbrochene Gefässe beispielsweise mit Hilfe dieser Löcher und Draht zusammengehalten», erklärt sie. Solche invasiven Eingriffe würden heute nicht mehr vorgenommen. Das Credo lautet: so wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Die grössten Herausforderungen seien jedoch oft nicht technischer, sondern ethischer Natur. «Wer entscheidet, wie etwas konserviert wird?», Herausforderungen wie diese führten laut Viera immer wieder zu intensiven Diskussionen.

Dinge spüren

Besonders bewege sie die Arbeit mit jahrtausendealten Objekten: «Es berührt mich immer wieder, wenn ich an solchen Dingen arbeite. Teilweise glaube ich wirklich, die Person, welche das Stück ursprünglich hergestellt hat, zu spüren.»

«Es berührt mich immer wieder, wenn ich an solchen Dingen arbeite. Teilweise glaube ich wirklich, die Person, welche das Stück ursprünglich hergestellt hat, zu spüren.» Viera

Trotz der hellen Räume bleibt es hier übrigens oft dunkel. Tageslicht sei angenehm zum Arbeiten, erklärt Vieras Kollegin Stephanie, gleichzeitig aber einer der grössten Feinde empfindlicher Materialien.

Sie weiss, wovon sie spricht. Schliesslich beschäftigt sie sich mit organischen Materialien. Aktuell konserviert sie historische japanische Rosshaar-Perücken und dokumentiert ihren Zustand. Sie werden an ein anderes Museum ausgeliehen.

Es ist die Lebendigkeit dieser organischen Objekte, die sie besonders fasziniert: «Teilweise beschäftigen wir uns so lange und intensiv mit einem Objekt, dass man eine gewisse Nähe zu ihm und den Menschen dahinter aufbaut.»

«Teilweise beschäftigen wir uns so lange und intensiv mit einem Objekt, dass man eine gewisse Nähe zu ihm und den Menschen dahinter aufbaut.» Stephanie

Ein Objekt gewissermassen zu spüren, kann allerdings auch herausfordernd sein. Anne-Rose erinnert sich an Skulpturen aus dem Kongo, die mit magischen Praktiken in Verbindung gebracht werden. «Beim Arbeiten mit diesen Skulpturen habe ich mich sehr unwohl gefühlt und war froh, schnell wieder von ihnen wegzukommen.»

Geschichte braucht Zeit

Was uns fast schon magisch anzieht: eine gigantische, bemalte Kuhhaut aus Afrika, die neu in die Sammlung aufgenommen wurde. Nach eingehender Untersuchung hat Stephanie das Leder langsam befeuchtet und behutsam rückgeformt – ein Prozess, der spezielle Techniken, Fingerspitzengefühl und Geduld erfordert.

Zeitdruck dürfe nie die Oberhand gewinnen. Manchmal werde deshalb bewusst entschieden, ein Objekt nicht in eine Ausstellung aufzunehmen, erzählt Anne-Rose. Nicht alles lasse sich innerhalb der verfügbaren Zeit verantwortungsvoll konservieren oder restaurieren.

Wer die vier Frauen erlebt, merkt schnell: Hier treffen nicht nur Wissen und Präzision aufeinander, sondern auch Leidenschaft und Hingabe. Geschichte ist in diesen Räumen alles andere als vergangen. Sie lebt weiter.

Sammlungsdepot Museum der Kulturen

Im Sammlungsdepot des Museums der Kulturen Basel werden Objekte aus aller Welt aufbewahrt, erforscht und für kommende Generationen erhalten. Das Team der Konservierung und Restaurierung kümmert sich um Textilien, bemalte Oberflächen sowie organische und anorganische Materialien. Mit Fachwissen, Sorgfalt und Respekt vor den Spuren der Zeit machen die Konservatorinnen-Restauratorinnen sichtbar, welche Geschichten in den Objekten weiterleben. 

Zur Sammlung

Kooperation mit Basel Happens

Sie möchten weitere spannende Persönlichkeiten Basels kennenlernen? Auf dem Instagram-Kanal «Basel Happens» stellt unsere Journalistin Valérie Ziegler seit 2017 gemeinsam mit dem Fotografen Oz J Tabib ihr Lieblingsbasel vor. Entdecken Sie inspirierende und individuelle Orte, Charaktere und Projekte!