Wo der Espresso in Basel zum Star wurde 

Vor 40 Jahren waren Espresso und Cappuccino in Basel noch eine kleine Sensation. Im Da Graziella werden sie noch immer nach italienischer Art serviert. Aus einem mutigen Neuanfang einer sizilianischen Familie wurde ein Stück Basler Quartierkultur – nicht nur für Leute mit Sehnsucht nach dem dolce far niente. 

Valérie Ziegler, nuage

Diesen Sommer war es aufgrund diverser Baustellen etwas schwierig, in Basel ein lauschiges Kaffee-Plätzchen zu finden. Hier allerdings nicht. Internationales Flair harmoniert perfekt mit der von Bäumen gesäumten Ecke, an der sich die Müllheimer- mit der Feldbergstrasse kreuzt. Das lebhafte Da Graziella ist ein Café mit Kultstatus für alle, die Italianità lieben.

Da Graziella – Online Magazin Oktober

Mitinhaberin Carmela Petitjean-Guglielmino im Da Graziella an der Feldbergstrasse. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib

Vor 40 Jahren gehörte es zu den ersten Basler Adressen, an denen neben Café Crème auch Cappuccino, Latte Macchiato und Espresso serviert wurden. «Meine Eltern waren durchaus mutig, als sie in Basel ein Café aufmachten», erzählt Carmela.

«Meine Eltern waren durchaus mutig, als sie in Basel ein Café aufmachten.» Carmela Petitjean-Guglielmino, Mitinhaberin Da Graziella

«Sie wollten damals hauptsächlich die italienische Community bedienen.» Doch der Espresso und der sämige Cappuccino schmeckten sehr bald auch den Bebbis (umgangssprachliche Bezeichnung für eine*n Einwohner*in der Stadt Basel). Und das hat sich bis heute nicht geändert. «Für mich eindeutig der beste Kaffee in der Stadt», sagt auch unser Fotograf Oz, der seit fünf Jahren in Basel lebt.

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Das Da Graziella ist bekannt für seinen italienischen Kaffee. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib

Von Sizilien nach Basel

Die Geschichte des Da Graziella beginnt allerdings nicht an der Feldbergstrasse, sondern in Catania auf Sizilien. Dort hatten Carmelas Eltern bereits eine gut laufende Pasticceria. Doch gut laufen heisst nicht automatisch, dass es einer Familie wirtschaftlich gut geht. 1979 kamen Carmelas Eltern in die Schweiz, um hier neu anzufangen.

Die Kinder konnten damals nicht einfach so mitkommen. Carmela und ihre Geschwister verbrachten deshalb vier Jahre in einem Internat in Norditalien. «Meine zwei Brüder waren getrennt von uns zwei Schwestern, weil unser Internat zu teuer gewesen ist für alle», erzählt die heute 54-Jährige. Die Eltern besuchten ihre Kinder, wenn es möglich war, doch der Geschäftsaufbau in der Schweiz nahm reichlich Zeit in Anspruch.

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Heute führt die zweite Generation den Familienbetrieb. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib

Für die vier Kinder eine teilweise schmerzhafte Zeit. Gleichzeitig verstanden sie später, weshalb die Eltern diesen Weg gewählt hatten. «Sie haben es für unsere Zukunft gemacht. Und als Eltern wahrscheinlich noch mehr gelitten als wir.» Besonders die Mutter, die inzwischen vor zehn Jahren gestorben ist: «Graziella war, glaube ich, die stolzeste Mutter, die es überhaupt geben kann.»

In der Schweiz angekommen, musste die Familie nicht nur mit einer neuen Umgebung zurechtkommen, sondern auch eine neue Sprache lernen. «Nichtsdestotrotz bin ich unglaublich dankbar, dass ich hier leben darf. Für mich gibt es kein besseres Land.»

Vier Geschwister, ein gemeinsamer Weg

Aus der Geschichte der Eltern wurde schliesslich die Geschichte der vier Geschwister. Carmelas Bruder Martino schlug den Weg der Patisserie ein. Nach seiner Lehre bei Beschle sammelte er Erfahrungen in grossen Hotels und leitete renommierte Patisserie-Abteilungen an diversen europäischen Adressen. Carmela entschied sich für eine Banklehre. Francesco und Maria blieben dem Betrieb treu. Irgendwann wurde klar, dass es an allen Geschwistern lag, die Verantwortung zu übernehmen, das Geschäft weiterzuführen und weiterzuentwickeln. «Martino sagte zu mir eines Tages: Wenn auch du mitmachst und wir alle vier zusammenspannen, dann komme ich zurück nach Basel.»

So begann vor rund 25 Jahren die Geschichte des Da Graziella, wie es heute existiert. Vier Geschwister mit unterschiedlichen Erfahrungen, aber der gemeinsamen Entscheidung, das Familienunternehmen weiterzuführen.

Italien in Basel

Die Ursprungsfiliale an der Feldbergstrasse ist bis heute das Herz der Graziella-Familie geblieben. «Auch wenn wir noch drei andere, grössere Standorte haben, bleibt das unser Baby.»

Das liegt auch an der Kundschaft. «Es gibt Leute, die uns seit Tag eins täglich besuchen», sagt Carmela. Damals noch Kinder, kommen sie heute mit ihren eigenen. Aus dem Café ist über die Jahrzehnte ein Stück Quartier geworden.

«Es gibt Leute, die uns seit Tag eins täglich besuchen.» Carmela Petitjean-Guglielmino, Mitinhaberin Da Graziella

Der Name und auch das Logo sind seit Beginn geblieben. Die zweite, grössere Backstube an der Dornacherstrasse wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in ein zweites Café umgebaut. «Unsere Kundschaft war völlig irritiert, dass sich an unserer zweiten Adresse nur eine Backstube befand und man keinen Kaffee trinken konnte.»

Mit zwei weiteren Standorten im Drachenzentrum und im Joggeli wurde schliesslich auch die Bäckerei im Gundeli zu klein. Die Produktion befindet sich heute in Allschwil.

Cornetto, Treccina und Cubo al Pistacchio

Wer das Da Graziella besucht, kommt in der Regel nicht nur wegen des hauseigenen Kaffees und der entspannten Atmosphäre. Bezahlt wird wie in Italien «al banco», und zum Espresso gibt es eine riesige Auswahl an verführerisch riechender Colazione. Es lohnt sich, früh zu kommen. Trotz grosser Auswahl kann es nämlich gut sein, dass bereits um 11.00 Uhr vieles ausverkauft ist.

Auch sizilianische Klassiker finden sich auf der Karte: Arancini, Cannoli, Amaretti. «Wir nennen sie Amaretti, aber eigentlich sind es Biscotti di Mandorla», erklärt Carmela. «Pasta di Mandorla – das ist Sizilien!»

Carmelas persönlicher Favorit ist die Raviola di Ricotta, ein mit Schafsricotta gefülltes Teigdreieck. Und dann wäre da noch die Treccina – ein Zöpfli mit Vanillecrème und Rosinen, das es seit den Anfängen gibt.

Die Treccina erinnert Carmela täglich an ihre Mamma Graziella, die, obwohl sie kein Deutsch sprach, von der Kundschaft sehr geliebt wurde. «Ich weiss noch, wie ein Kunde gefragt hat: ‘Was ist das?’ Meine Mutter hat geantwortet: ‘Ein Zöpfli.’ Der Mann wollte jedoch das italienische Wort hören. Das ‘Treccina’ meiner Mutter höre ich noch heute, als würde sie es gerade wieder sagen.»

Qualität statt Instagram

Auch bei den Zutaten treffen Basel und Sizilien aufeinander. Für die Amaretti kommen Eier aus dem Baselbiet, Honig vom Bruderholz-Quartier und Mandeln aus dem sizilianischen Avola zum Einsatz. «Dort gibt es die besten Mandeln», sagt Carmela.

Beim Bier trifft Basler Braukunst auf italienische Tradition: Ausgeschenkt werden Unser Bier und Nastro Azzurro. Während das frische Fleisch in der Nähe bezogen wird, kommen Zutaten wie Mandeln oder Pistazien aus Sizilien.

Auch wenn es im italienischen Café inzwischen auch Matcha Latte gibt, geht es der Familie nicht darum, jeder Mode hinterherzulaufen. «Wir haben uns lange überlegt, ob wir als Italiener wirklich auf diesen Trend aufspringen sollten. Ich glaube jedoch, dass wir Gewisses nicht ausschliessen können in der heutigen Zeit.»

Das gilt auch für die sozialen Medien. Selbst wenn Carmela die meisten davon am liebsten ausschalten würde, möchte sie nicht stur sein. «Ich hoffe aber sehnsüchtig auf eine Gegenbewegung.»

«Nachhaltigkeit und Wirtschaft, das hängt zusammen.» Carmela Petitjean-Guglielmino, Mitinhaberin Da Graziella

Graziella setzt auf bewusstes Handwerk, hausgemachte Feinware und einen sorgfältigen Umgang mit den eigenen Produkten. Food Waste gibt es hier seit Jahren kaum. Was am Abend übrig bleibt, wird von der Äss-Bar abgeholt und am nächsten Tag verkauft. «Nachhaltigkeit und Wirtschaft, das hängt zusammen», sagt Carmela. Wer nachhaltig arbeitet, spart schliesslich auch.

Aus Italien vermisst Carmela heute eigentlich nur eines: das Meer.

Und auch konkrete Träume für die Zukunft hat sie nicht. «Es darf sehr gerne so bleiben, wie es ist.» Obwohl, ein Café in der Innenstadt wäre als Ergänzung schon noch schön, gibt sie zu.

Ein Traum, der durchaus realistisch ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die Baustellen bis dann behoben sind. Wobei: Die Seele von Graziella würde wohl auch diese überstrahlen.

Da Graziella

Da Graziella ist eine Pasticceria e Caffetteria in Basel, die 1985 von Sebastiano und Graziella Guglielmino aus Catania gegründet wurde. Heute führt die zweite Generation um Carmela Petitjean-Guglielmino (siehe Foto) den Familienbetrieb mit mehreren Cafés in Basel und einer eigenen Backstube in Allschwil. Hausgemachte süsse und salzige Spezialitäten, Amaretti und Kaffee aus Sizilien bringen italienische Café-Kultur in die Basler Quartiere. 

dagraziella.com

Kooperation mit Basel Happens

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