«Meine Agenda war schon immer leer»
Valérie Ziegler, nuage
In den Räumen der neuen Location Via an der Viaduktstrasse 33 ist es noch still und leer. Eveline Wüthrich steht mitten im Raum und schaut sich um, als würde sie bereits viel sehen können. «Ich komme immer wieder her, um mich mit dem Ort vertraut zu machen», sagt sie ruhig. Man spürt sofort, dass sie eine spezielle Verbindung zu Räumen hat.
Die Kuratorin hatte schon immer ein Gespür und Flair für Atmosphären. Für Begegnungen. Für Dinge, die man nicht immer sofort erklären kann, aber trotzdem spürt. Diese Eigenschaften sind bestimmt auch ein Grund, weshalb die unabhängige Kunstbuchmesse I Never Read seit mittlerweile 15 Jahren existiert.
Eveline Wüthrich. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
«Der Name entstand genauso spontan wie die Idee an sich», erzählt Eveline und lacht. Dass die Messe eineinhalb Jahrzehnte später noch immer fester Bestandteil der Basler Kulturwoche rund um die Art Basel sein würde, hätten sie und ihr Partner Johannes Willi damals nicht erwartet.
Im Zentrum stehen bis heute Kunstbücher mit Bildfokus – Publikationen, bei denen Gestaltung, Fotografie, Illustration und visuelle Sprache eine zentrale Rolle spielen. «Bilder sagen manchmal tatsächlich mehr», sagt Eveline.
«Bilder sagen manchmal tatsächlich mehr.» Eveline Wüthrich
Das Konzept bleibt trotz neuem Standort bewusst unverändert. Die Ausstellenden stehen weiterhin im Mittelpunkt. Rundherum entsteht zudem jedes Jahr ein sorgfältig kuratiertes Begleitprogramm. Diesmal dreht sich vieles um das Jubiläum selbst: ums Feiern, ums Zusammenkommen, ums Zurückblicken.
Und natürlich um Gestaltung. Der diesjährige Katalog sowie die gesamte visuelle Kommunikation erscheinen ausserdem auf insgesamt acht beidseitig bedruckten T-Shirts. «Vielleicht gibt es auch einen Kuchen», schmunzelt Eveline.
Eveline Wüthrich und Johannes Willi, die Co-Gründer der Kunstbuchmesse «I Never Read». © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Die Kraft des Analogen
In der Begegnung mit Eveline wird schnell klar: Die zarte und zugleich selbstbewusste Frau organisiert Kunst nicht bloss, sondern lebt sie auch. Eveline studierte Kunstgeschichte in Paris – einer Stadt, mit der sie sich bis heute eng verbunden fühlt. Überhaupt spielt das Unterwegssein eine grosse Rolle in ihrem Leben. Auch gemeinsam mit Johannes reist sie, wann immer es die Gelegenheit dazu gibt. Zuletzt verbrachten die beiden ein paar Tage an ihrem Sehnsuchtsort Italien. Besonders Venedig hat es Eveline angetan. Nicht zuletzt wegen ihres Lieblingsglacés: Zitrone. «In Venedig gibt es das Allerbeste – ganz cremig!»
Trotz Nomaden-Lifestyle wirkt Eveline bemerkenswert geerdet. Vielleicht auch deshalb, weil ihr das Analoge wichtig geblieben ist. Während sie beruflich ständig zwischen Bildschirm, Handy und Organisation pendelt, verzichtet sie privat auf vieles, was heute selbstverständlich scheint. Eine Agenda zum Beispiel besitzt sie nicht. «Mein Kalender war schon immer leer – ich behalte einfach alles im Kopf.» Sie verlässt sich auf ihr fotografisches Gedächtnis. «Ich gehe sehr bewusst und aufmerksam durch die Welt und konzentriere mich auf das, was gerade passiert.»
«Ich gehe sehr bewusst und aufmerksam durch die Welt und konzentriere mich auf das, was gerade passiert.» Eveline Wüthrich
Vielleicht erklärt das auch ihre Sensibilität für Bücher und Materialien. Für die 42-Jährige wird Print, beziehungsweise das Haptische, nie verschwinden. «Wir Menschen sind unglaublich physische Wesen», ist sie überzeugt. «Unsere Umgebung, Materialien und Objekte beeinflussen uns ständig. Eine Berührung wird immer etwas Schönes bleiben.»
Ein Buch trägt sie deshalb fast immer bei sich. Zuletzt lag der Roman Sein Geruch nach dem Regen von Cédric Sapin-Defour neben ihrem Bett. «Eine so berührende Geschichte. Ich habe sie extra langsam gelesen, weil ich nichts verpassen wollte.»
Eveline Wüthrich. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Überhaupt scheint Bewusstsein ein wiederkehrendes Motiv in ihrem Leben zu sein. In ihrem kleinen Schrebergarten am Basler Stadtrand findet sie Ruhe. Ausgleich zu den wiederkehrenden kreativen Bewegungen. Neben I Never Read, Art Book Fair Basel arbeitet Eveline als Feng-Shui-Einrichtungsberaterin. Räume, ihre Wirkung und ihre Energie faszinieren sie schon lange.
Drei Dinge empfiehlt sie beinahe jedem Menschen: Neben dem Bett sollte immer etwas sichtbar sein, das positive Gefühle auslöst, schliesslich ist es bewusst oder unbewusst das, was wir als erstes sehen, wenn wir am Morgen die Augen öffnen. Der Hauseingang sollte möglichst frei bleiben und uns den Zugang zur Wohnung einfach machen. Und – dem Namen ihrer Messe zum Trotz – sollte man immer ein Buch bei sich tragen.
Offenheit & Treue
Seit 15 Jahren gehen Eveline und Johannes nun gemeinsam durchs Leben – privat wie beruflich. Dass das funktioniert, verdanken beide ihrer Offenheit und ihrem Vertrauen. «Wir sind sehr unterschiedlich», sagt Eveline. «Aber genau das ist positiv.» Manchmal müsse man Dinge auch einfach loslassen können. Johannes überrasche sie bis heute regelmässig – «meistens positiv», ergänzt sie grinsend.
Johannes wiederum schätzt vor allem die kurzen Wege in ihrer Zusammenarbeit. «Die Kommunikation funktioniert extrem direkt.»
Natürlich brauche es Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben. In der Altbauwohnung im Kleinbasel mit gelbem Flurboden und pinker Küche merkt man jedoch sehr schnell: Hier leben und arbeiten zwei Menschen zusammen, die sich gegenseitig Freiraum schenken.
Eveline Wüthrich und Johannes Willi mit dem Buch zum 10-jährigen Jubiläum von «I Never Read» (2021).
Diese scheinbare Grenzenlosigkeit schätzen sie auch an der Stadt Basel: «Das Coolste hier ist, dass man sofort in Frankreich oder Deutschland ist», so Johannes, «Man taucht sofort in andere Kulturen ein – manchmal reicht dafür schon ein authentischer Crêpe auf der anderen Seite der Grenze.»
Wünschen würden sie sich für Basel allerdings mehr Freiräume. Mehr Grünflächen. Mehr Orte ohne Konsumzwang. Und vor allem mehr Unterstützung für junge Kulturschaffende. «Es gibt nichts Wertvolleres, als Kunst machen zu dürfen, ohne dabei ständig an Rendite denken zu müssen», sagt Johannes. «Schliesslich lässt Kunst unsere Stadt zu einem grossen Teil lebendig werden.»
«Kunst lässt unsere Stadt zu einem grossen Teil lebendig werden.» Johannes Willi
Ob es den Kuchen nun geben wird oder nicht: Eine Geheimzutat von I Never Read, Art Book Fair Basel ist sicher, dass sich die Messe über all die Jahre nie verbogen hat. Dass sie gewachsen ist, ohne ihre Haltung zu verlieren. Und für alle zugänglich geblieben ist. Oder, wie Johannes es formuliert: «Unser Anspruch war immer, uns treu zu bleiben.»
Eveline Wüthrich | I Never Read
Eveline Wüthrich ist Mitgründerin und Co-Leiterin der I Never Read, Art Book Fair Basel. Die Messe findet jährlich in Basel statt und ist auf Kunstbücher sowie unabhängige Publikationen spezialisiert. Sie bringt internationale und lokale Verlage, Künstler*innen und Institutionen zusammen und wird im Rahmen der Art Week Basel durchgeführt.
ineverread.comKooperation mit Basel Happens
Sie möchten weitere spannende Persönlichkeiten Basels kennenlernen? Auf dem Instagram-Kanal «Basel Happens» stellt unsere Journalistin Valérie Ziegler seit 2017 gemeinsam mit dem Basler Fotografen Oz J Tabib ihr Lieblingsbasel vor. Entdecken Sie inspirierende und individuelle Orte, Charaktere und Projekte!