Susanne Graner – Alles ausser gewöhnlich

Susanne Graner bewahrt im Vitra Schaudepot nicht nur Designgeschichte – sie erzählt sie weiter. Für die grosse Verner Panton-Ausstellung tauchte sie tief in die futuristische Welt des dänischen Visionärs ein. Ein Gespräch über Räume, Reisen und die Kunst, Dinge für kommende Generationen zu erhalten. 

Valérie Ziegler, nuage

Wer zum Schaudepot auf dem Vitra Campus spaziert, läuft am üppigen Oudolf Garten vorbei. Ein passender Einstieg für die Begegnung mit Susanne Graner: Sie empfängt mit einer Wärme und Leichtigkeit, die sofort ansteckt – sonnig, lebendig, voller Energie.

Bei unserem Besuch ist im Schaudepot noch wenig von der Ausstellung zu sehen, die am 23. Mai hier eröffnet wird. Zwischen Archivregalen, Prototypen und Objekten lässt sich jedoch bereits erahnen, was entstehen soll: eine Welt voller Farben, Formen und futuristischer Visionen.

Susanne Graner

Susanne Graner, Head of Archive & Collection im Vitra Design Museum. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Nina Steinmüller kuratiert Susanne Graner derzeit die grosse Ausstellung zum 100. Geburtstag von Verner Panton. Wer die Arbeiten des dänischen Designers und Architekten kennt, weiss: Hier geht es nicht etwa um stilles Design, sondern um Räume, die erlebt werden wollen. Um Fantasie. Um Bewegung. Um Atmosphären. «Eine echte Herausforderung», gibt Susanne zu, «schliesslich ist die Räumlichkeit des Schaudepots durch seine dreistufige Ausstellungsfläche klar definiert.»

Das Herzstück der Ausstellung wird auch diesmal wieder die legendäre Fantasy Landscape sein – eine begehbare Installation, die Besuchende nicht bloss betrachten, sondern physisch erfahren können. Etwas, das Pantons Denken 100-prozentig repräsentiert.

Fantasy Landscape von Verner Panton auf der Ausstellung Visiona II, Möbelmesse Köln, 1970. © Verner Panton Design AG

Er war nämlich überzeugt davon, dass Räume nicht nur gestaltet, sondern ganzheitlich erlebt werden sollten. «Worauf sitzen wir? Wie liegen wir? Wie bewegen wir uns in einem Raum? Panton verstand Gestaltung immer als ein Gesamterlebnis», unterstreicht die Kuratorin.

«Es ist schwer, nicht von ihm fasziniert zu sein. [...] Verner Panton erschuf eine eigene Welt.» Susanne Graner

Auch für Susanne ist die Beschäftigung mit Panton weit mehr als ein Projekt. «Es ist schwer, nicht von ihm fasziniert zu sein», sagt sie. «Er war ein absoluter Freidenker.» Zwar experimentierten in den 1970er-Jahren viele Designer mit futuristischen Wohnvisionen, laut Susanne tat dies jedoch kaum jemand mit einer solchen Konsequenz wie Panton. «Möbel, Leuchten, Textilien: Verner Panton erschuf eine eigene Welt.»

10 Jahre unter dem Gesäss

Dass das Vitra Design Museum heute zu den wichtigsten Archiven für Pantons Werk zählt, überrascht kaum. Bereits im Jahr 2000 widmete das Vitra Design Museum ihm eine grosse Ausstellung. Nun folgt zum Jubiläum die bislang umfassendste Schau seit damals. Im Archiv lagern nicht nur zahlreiche Originalobjekte, sondern auch über 40 000 Zeichnungen und Dokumentationen. «Dadurch werden nicht nur Entwicklungsprozesse nachvollziehbar, sondern auch Geschichten erzählbar», so Susanne.

Besonders eindrücklich zeigt sich das am berühmten Panton Chair. Im Museumsarchiv befindet sich sogar der originale Prototyp von 1958. Während der Stuhl heute als Ikone des Designs gilt, erschien die Idee damals fast absurd. Ein frei schwingender Stuhl komplett aus Kunststoff? Zu radikal, zu riskant, technisch zu schwierig. Fast zehn Jahre dauerte die Entwicklung bis zur ersten Serienversion.

«Vitra war schon immer ein Ort für innovative Ideen.» Susanne Graner

«Verner Panton war definitiv geduldig», bestätigt Susanne lachend. Dass Vitra sich als Produzent auf das Experiment einliess, ist irgendwie typisch: «Vitra war schon immer ein Ort für innovative Ideen.»

Ein Herz für zeitgenössisches Design

Als Head of Archive & Collection verantwortet Susanne gemeinsam mit ihrem Team unter anderem den Erhalt und die Betreuung der Museumssammlung, die Digitalisierung des Archivs und die konservatorische Arbeit hinter den Kulissen. Das Kuratieren sei eher «ein Nebenjob», sagt sie schmunzelnd – einer, der ihren Berufsalltag enorm bereichere.

Ihr Weg zum Vitra Design Museum begann weit entfernt von Designklassikern und futuristischen Wohnlandschaften. Ursprünglich absolvierte Susanne Graner eine Schreinerlehre. Danach studierte sie Restaurierung und Konservierung, arbeitete zunächst in der bayerischen Denkmalpflege mit barocken Hochaltären und historischen Kirchenstühlen, später für die Schlösserverwaltung. Doch schon während des Studiums wurde ihr klar, dass ihr Herz dem zeitgenössischen Design gehörte.

Sie wechselte an Die Neue Sammlung in München, eines der bedeutendsten Designmuseen Deutschlands, wo sie sieben Jahre als Restauratorin tätig war. Als das Vitra Design Museum schliesslich eine Sammlungsleitung mit restauratorischem Hintergrund suchte – «was extrem selten ist» –, schien die Stelle wie für sie geschaffen.

Stillstand und Langeweile kenne sie seither keine: «Es kommen ständig neue Themen dazu, die meinen Horizont erweitern.»

«Es kommen ständig neue Themen dazu, die meinen Horizont erweitern.» Susanne Graner

Wie man denn so lebt, wenn man seit 15 Jahren bei Vitra arbeitet? «Als ich hier anfing, war ich immer verblüfft, dass manche Wohnungen meiner Kollegen aussahen wie ein Showroom», erzählt sie. «Das passiert mir sicher nie», dachte sie. «Natürlich ist es passiert.»

Susanne Graner

Susanne Graner an der vergangenen Ausstellung «Science Fiction Design. Vom Space Age zum Metaverse», die Objekte von Verner Panton zeigte. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib

Heute lebt Susanne Graner mit ihrer Familie im deutschen Haltingen. Der Umzug von der Grossstadt München aufs Land war bewusst gewählt. «Wir wollten Natur, kurze Wege und einen Gegenpol», erzählt sie. «Gerade heute haben wir beim Frühstück einmal mehr festgestellt, dass sich unser Zuhause manchmal noch immer wie eine Ferienwohnung anfühlt.»

In der Region Basel schätzt sie besonders das Kinoangebot und die Nähe zum Wasser. So verbringt sie mit ihrer Familie viel Zeit am Altrhein oder in der Petite Camargue bei Huningue (Frankreich). Auch von den dort gezeigten permanenten Ausstellungen «Mémoire du Rhin» und «Mémoire du Saumon» ist sie ein grosser Fan: «Super oldschool – aber wie eine kleine Zeitreise.»

Sie liebt Orte, die eine Geschichte haben, und wo gleichzeitig versucht wird, diese Geschichte nicht nur zu erhalten, sondern auch neu zu nutzen. «Das filter4 ist ein weiteres gutes Beispiel hierfür.»

Energie tankt sie auch unterwegs. Gemeinsam mit ihrem Partner reist sie im schlicht ausgebauten VW-Bus mindestens einmal pro Jahr durch abgelegene Regionen, zuletzt durch Tunesien und den Balkan. Ohne festen Plan, und oft einfach dem Wetter folgend. «Der Weg ist wortwörtlich das Ziel.»

Erhalt für die Zukunft

Während in ihrem Berufsalltag oft Präzision und Struktur gefragt sind, sucht sie privat bewusst das Gegenteil: Einfachheit, Improvisation und spontane Begegnungen.

Susanne Graner

Susanne Graner. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib

Vielleicht erklärt gerade das ihre Begeisterung für Design. Denn für Susanne Graner ist Gestaltung nicht etwa etwas Elitäres. «Design umgibt uns alle ständig», ist sie überzeugt. «Welche Tasse wir benutzen, welches Auto wir fahren oder wie ein Garten angelegt ist – all das ist Gestaltung.» Umso mehr bedauert sie, dass Architektur und Design gesellschaftlich oft zu wenig Bewusstsein erlangen. «Ich fände es grossartig, wenn Kinder schon früh lernen würden, wie Gestaltung funktioniert und warum gut gestaltete Dinge unser Leben beeinflussen.»

«Design umgibt uns alle ständig.» Susanne Graner

Ihre eigene Arbeit versteht sie dabei auch als Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. «Im besten Fall erhalten wir hier Dinge für die Zukunft», sagt sie. «Und sind somit ein kleiner Teil der Geschichte.»

Susanne Graner | Vitra Schaudepot

Susanne Graner ist Head of Archive & Collection im Vitra Design Museum und arbeitet im Vitra Schaudepot. Sie verantwortet die Betreuung der Museumssammlung, die Archivarbeit sowie die Konservierung und Digitalisierung von Designobjekten. Zudem kuratiert sie Ausstellungen, darunter die Schau zum 100. Geburtstag von Verner Panton. 

design-museum.de

Kooperation mit Basel Happens

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