Piotr Hraptovich – Basel mit anderen Augen
Valérie Ziegler, nuage
Ein Spaziergang mit einem Fotografen, der studierter Architekt ist – zu seinen persönlichen architektonischen Highlights in Basel. Die Kirche St. Anton, das Messegebäude, das Kinderspital – ein paar Locations hatte ich schon im Kopf.
Piotr Hraptovich, Architekturfotograf. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte: Dass mir praktisch jedes Gebäude, das wir besucht haben, zuvor noch nie aufgefallen war. Und das, obwohl ich an einigen davon täglich vorbeikomme. Ein klassischer Fall von Lokalitätsblindheit?
Piotr Hraptovich stammt ursprünglich aus Russland. Vielleicht ist genau das sein Geheimnis: Piotr schaut nicht auf Basel wie jemand, der hier aufgewachsen ist. Er schaut hin.
«Ich liebe die Stadt am Rhein. Basel ist für mich ein kleines Architektur-Mekka.» Piotr Hraptovich
Eine Anstellung bei Herzog & de Meuron hat ihn vor 12 Jahren nach seinem Master-Abschluss in Deutschland nach Basel gebracht. Er ist geblieben. «Ich liebe die Stadt am Rhein. Basel ist für mich ein kleines Architektur-Mekka.» Sein Berufsleben wurde in gewisser Weise von der Rheinstadt geprägt: «Von ihrer Architekturszene, ihrer Architekturkultur, ihrer Kunstkultur. Und auch die weit verbreitete Wertschätzung für damit verwandte Themen ermöglicht es mir irgendwie, das zu tun, was mir wirklich Spass macht. Ich glaube nicht, dass es viele Orte gibt, an denen ich so leben könnte.»
Liebe für Rost und Analoges
Unser erster Stopp heute führt uns zum «Rostbalken» von Suter + Suter. «Es ist schwierig, mit dem Zug in Basel anzukommen, ohne ihn zu bemerken», so Piotr. Die «alte Post» ist mehr als Infrastruktur. Sie ist ein Wahrzeichen Basels. Mit Kultstatus.
Auch Piotr ist Fan davon.
Piotr vor der «alten Post». © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
«Rostbalken» von Suter + Suter. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Und tatsächlich steckt hinter dem wuchtigen roten Bau einiges mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Das ehemalige Postbetriebsgebäude Basel 2 entstand zwischen 1971 und 1980. Sein markantestes Element ist der sogenannte Postreiter, der sich wie ein riesiger Tisch über die Gleise legt. Für seine Konstruktion kam das aus dem Brückenbau bekannte Taktschiebeverfahren zum Einsatz – eine für den Hochbau aussergewöhnliche technische Lösung. Bis 2016 diente der Bau als Postverteilzentrum; heute steht er weitgehend leer. Im Rahmen des Projekts Nauentor soll der grösste Teil des Gebäudes einem neuen Komplex mit drei Hochhäusern weichen.
«Als ich eines Tages eine gebrauchte analoge Kamera gefunden habe, bin ich nie wieder zur Digitalfotografie zurückgekehrt.» Piotr Hraptovich
Studiert hat Piotr Hraptovich zwar Architektur. Die Welt der Fotografie faszinierte ihn allerdings bereits als Teenager. «Als ich eines Tages eine gebrauchte analoge Kamera gefunden habe, bin ich nie wieder zur Digitalfotografie zurückgekehrt», schaut er auf seine Laufbahn zurück. «Ich habe vermehrt darüber nachgedacht, wie ich von der Architektur zur Architekturfotografie wechseln könnte. Meine Kamera und wie ich diese handhaben muss, boten mir die perfekte Lösung.»
Film statt Display: Fotografieren mit Geduld. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Jeder Film wird von Hand eingelegt. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Die Grossformatkamera im Einsatz. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Sorgfältige Vorbereitung vor dem Auslösen. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Ein letzter Blick auf Licht und Perspektive. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Das Besondere an seinem antik wirkenden Arbeitsgerät, der «Technikardan S 45» von Linhof: Sie ist eine klassische Grossformatkamera, wie geschaffen für die Architekturfotografie. Piotr kann damit Perspektiven korrigieren, stürzende Linien vermeiden und die Schärfeebene gezielt bestimmen. Fotografiert wird auf 4×5-Zoll-Film – jedes einzelne Bild wird damit beinahe zu einer kleinen architektonischen Konstruktion. Denn anders als bei einer digitalen Kamera gibt es hier kein schnelles Kontrollieren, kein Zurück und kein Serienbild. Jedes Foto ist eine bewusste Entscheidung.
«Anstatt auf den richtigen Moment zu warten, versuche ich, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, indem ich das Gebäude, das Licht, die Perspektive und den richtigen Zeitpunkt genau studiere.» Piotr Hraptovich
Was ihn an seiner Arbeitsweise besonders fasziniert? Das Festhalten dieses einen, quasi nie arrangierten, Moments. «Anstatt auf den richtigen Moment zu warten, versuche ich, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, indem ich das Gebäude, das Licht, die Perspektive und den richtigen Zeitpunkt genau studiere. Was innerhalb dieses Rahmens tatsächlich geschieht, ist nicht unbedingt inszeniert oder vollständig kontrolliert.» Da sind Menschen, die ständig vorbeilaufen, das Licht, das sich verändert. «Wenn ich durch die Stadt gehe, halte ich ständig Ausschau. Ich achte auf das Licht, auf Bildkompositionen, auf Details, Texturen, Farben und solche Dinge. Es erinnert mich ständig daran, dass es um einen herum immer etwas Interessantes gibt.»
Blick fürs Unscheinbare
Piotrs Perspektive hat sich als Fotograf im Gegenzug zu derjenigen als Architekt natürlich verändert: «Als Architekt entwirft man Projekte gewissermassen anhand bestimmter Bilder. Ein Architekt hat immer eine Perspektive im Kopf. Gleichzeitig ist es als Fotograf fast unmöglich, das Gebäude so einzufangen, wie sich das ein Architekt vorstellt.» Piotr selbst hat eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass das eigentlich auch gar nicht nötig ist, «Denn Architektur wird im realen Kontext anders wahrgenommen. Was kann ich aus meiner Aussenperspektive einem Architekten also bieten? Etwas, woran er noch nicht gedacht hat oder das er noch nicht gesehen hat.»
Unser Spaziergang führt uns weiter Richtung Heuwaage und die Steinenvorstadt runter Richtung Barfüsserplatz. Wir sind gespannt, was für ein Gebäude uns Anfang Kohlenberg erwartet. Als Piotr mit dem Finger auf den faden gelb-goldenen Komplex mit der Aufschrift «Salt» zeigt, sind Fotograf Oz und ich doch etwas perplex.
Piotr fotografiert das Büro- und Geschäftshaus von Diener & Diener. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Ausgerechnet zu diesem Haus hat Piotr gar einen persönlich-emotionalen Bezug?
«Ich erinnere mich noch gut daran, als ich erstmals in Basel ankam. Das Büro- und Geschäftshaus von Diener & Diener hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Bis heute schwängert es mich mit Fragen, die ich bisher noch nicht wirklich beantworten konnte», philosophiert er, «Ein sehr schlichtes Gebäude, das dennoch seltsam zeitgemäss wirkt, fast schon ein wenig wie aus einem SciFi-Film. Für mich auf jeden Fall beeindruckend, wie es durch seinen reinen schlichten Modernismus im Kontext des Barfüsserplatzes fast schon zeitgenössisch wirkt.»
«Ein sehr schlichtes Gebäude, das dennoch seltsam zeitgemäss wirkt, fast schon ein wenig wie aus einem SciFi-Film.» Piotr Hraptovich
Und vielleicht liegt genau darin der Grund, weshalb Piotr es so faszinierend findet: Das Haus entstand zwischen 1992 und 1995 auf einer 65 Quadratmeter grossen Eckparzelle. Hinter den grossen, versetzt angeordneten Panoramafenstern liegen auf jedem Geschoss nur rund 40 Quadratmeter Nutzfläche. Die gelb eingefärbte Betonfassade ist dabei nicht bloss Hülle, sondern trägt das Gebäude selbst.
Zugegeben: Je länger ich das unscheinbare Eckhaus betrachte, desto mehr kann ich ihn verstehen. Zumindest ein bisschen.
Romantik und offene Türen
Unser nächster Halt war auch uns bekannt: der Labyrinthplatz bei der Leonhardskirche. «Einer meiner Lieblingsplätze», sagt Piotr. «Was mir an Basel nämlich besonders gut gefällt, sind diese kleinen, versteckten Plätze. Die Aussicht von hier ist einzigartig.»
«Was mir an Basel besonders gut gefällt, sind diese kleinen, versteckten Plätze.» Piotr Hraptovich
Wir gönnen uns einen Moment der Ruhe. Betrachten das Basler Münster und stellen fest, dass wir viel zu selten hier sind.
Vom Labyrinthplatz aus ergibt sich ein wunderbarer Blick auf das Basler Münster. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Piotr auf dem Labyrinthplatz. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Bei einem Architekturrundgang zeigt Piotr der Journalistin Valérie Ziegler Basel aus seiner Perspektive. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Was Piotr in Basel, abgesehen von romantischen Plätzen, sonst noch schätzt? «Die Kultur der Tage der offenen Tür – ich finde, in dieser Hinsicht sollte sich jeder ein Beispiel an der Schweiz nehmen», sagt er. «Wenn Architekten ein Projekt fertigstellen, veranstalten sie gerne einen Tag der offenen Tür. Und obwohl es sich häufig um Privathäuser handelt, sind die Eigentümer meist sehr aufgeschlossen und zeigen ihr Zuhause gerne. So können Architekten den Besuchern – auch anderen Architekten – das Projekt in einem ungezwungenen Rahmen vorstellen und es ihnen erklären.»
Ansonsten liebt er es, im Rhein zu schwimmen und danach mit Freunden zu grillieren. «Zumindest wenn ich nicht gerade auf einem Spielplatz abhänge», lacht Piotr. Er ist vor zwei Jahren Vater geworden.
Rheinschwimmen ist für Piotr – und auch für viele andere Basler*innen – ein Highlight im Sommer. © Basel Tourismus
Für den Feierabenddrink sitzt er gerne vor der Renée Bar. Allerdings, zur eher frühen Stunde, «vor der Rushhour, nicht das andere früh», präzisiert er.
Von der Dohle auf den Deckel
Über den pittoresken Heu- und Spalenberg geht es nun Richtung Schützenmattstrasse. Was uns wohl an der Hausnummer 11 erwarten wird? Auf jeden Fall eine Überraschung!
Wenn man das Wohn- und Geschäftshaus von Herzog & de Meuron bewusst betrachtet, flasht es zwar irgendwie. Kennt man aber die Inspiration für das wellenartige Design der Gardinen-Fassade, dürfte man kurz sprachlos sein. Piotr führt uns zur Aufklärung zur nächstgelegenen Abwasserdohle. Ob uns was auffällt, will er wissen.
Der Dohlendeckel, der Herzog & de Meuron inspirierte. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Das wellenartige Design der Gardinen-Fassade. © Basel Tourismus, Oz Jacob Tabib
Und ob! «Das einzigartige Design der Basler Dohlendeckel diente als Inspiration für die Architekten», erzählt er, der früher selbst für die renommierte Basler Adresse gearbeitet hat. Solche scheinbar kleinen Details seien typisch für Herzog & de Meuron. «Ihre Augen sind stets auf der Suche nach alltäglichen Dingen. Sie haben ein Händchen dafür, die Schönheit von einfachen Sachen zu finden und sie neu zu interpretieren.»
«Sie (Herzog & de Meuron) haben ein Händchen dafür, die Schönheit von einfachen Sachen zu finden und sie neu zu interpretieren.» Piotr Hraptovich
Zwei Geschosse werden gewerblich genutzt, darüber liegen Wohnungen. Ursprünglich war die Liegenschaft im Besitz der Pensionskasse des Basler Staatspersonals; heute gehört sie zum Immobilienportfolio des Kantons Basel-Stadt.
Schade, dass wir hier nicht reinkommen. Der umbaute Innenhof ist laut Piotr nämlich auch sehr beeindruckend.
Wir schnappen uns einen hausgemachten Mango-Ingwer-Eistee vom Nón Lá beim Spalenbrunnen und begeben uns via Euler- und Ahornstrasse zu einem weiteren Wohn- und Geschäftshaus von Herzog & de Meuron: dem Gebäude Schwitter an der Allschwilerstrasse 90.
«Besonders interessant an diesem Gebäude ist die vorgefertigte Fassade; eine Wiederholung und industrielle Fertigung, die nicht nur als Bauweise, sondern als architektonischer Ausdruck an sich genutzt wird.»
Das Gebäude entstand Ende der 1980er-Jahre und war eines der frühen Projekte des Büros. Seine geschwungene Strassenfassade und die ebenfalls geschwungenen, auskragenden Balkonscheiben erzeugen ein Spiel aus unterschiedlichen Kurven. Im Inneren gruppieren sich die Wohnungen um einen begrünten Hof und werden über offene, geschwungene Laubengänge erschlossen.
Schönheit im Prägenden
Irgendwie passt unser heutiger Spaziergang zu Piotrs Arbeitsweise. Denn auch er begibt sich gerne auf Entdeckungsreise: «Wenn ich ein neues Projekt angehe, will ich es entdecken und diese Entdeckung in meinen Bildern zum Ausdruck bringen», erzählt er. «Während der Corona-Zeit bin ich viel alleine mit dem Fahrrad durch Basel gefahren. Und habe zig Gebäude entdeckt. Ich habe ein Flair für Architektur aus den 70-er Jahren. Der Lonza-Turm hat es mir zum Beispiel auch angetan.»
Ja, Geschmäcker dürfen sich scheiden. Und überhaupt: «Für mich geht es nicht primär um klassische Schönheit, sondern vielmehr darum, wie sehr ein Gebäude Basel prägt. Das ist Schönheit für mich.»
«Für mich geht es nicht primär um klassische Schönheit, sondern vielmehr darum, wie sehr ein Gebäude Basel prägt.» Piotr Hraptovich
Wieso er die Antoniuskirche, die erste vollständig aus Beton gebaute Kirche der Schweiz, mit ihren bezaubernden Buntglasfenstern nicht gewählt hat, will ich zum Abschluss noch von Piotr wissen. «Das wäre doch zu offensichtlich gewesen!?»
Auch wieder wahr. Wetten, dass wir künftig wacher durch unsere Heimatstadt laufen und uns von nun an jeder Dohlendeckel auffallen wird?
Piotr Hraptovich | Architekturfotograf
Piotr Hraptovich ist Architekturfotograf mit Sitz in Basel. Sein Fokus liegt auf Architektur und Infrastruktur, die er mit analoger Fotografie dokumentiert. Mit seinem Hintergrund in der Architektur und beruflicher Erfahrung unter anderem bei Herzog & de Meuron nähert er sich Gebäuden mit einem geschulten Blick für Raum, Struktur und Atmosphäre.
hraptovich.comKooperation mit Basel Happens
Sie möchten weitere spannende Persönlichkeiten Basels kennenlernen? Auf dem Instagram-Kanal «Basel Happens» stellt unsere Journalistin Valérie Ziegler seit 2017 gemeinsam mit dem Fotografen Oz J Tabib ihr Lieblingsbasel vor. Entdecken Sie inspirierende und individuelle Orte, Charaktere und Projekte!